Gedankenlesen – wenn Fantasie zu Realität wird


Gedankenlesen – wenn Fantasie zu Realität wird

Mark Zuckerberg, Elon Musk und selbst Autohersteller wie Nissan widmen sich seit Neustem einem Thema, das vor zehn Jahren noch klar in den Bereich Fantasy und nicht gerade Technologie passte: Gedankenlesen. Die Motivation dahinter ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, aber das Wettrennen um die schnellste Entwicklung reißt sie alle mit. 

 

Die Pläne lassen sich recht kurz zusammenfassen: Entwickler und Forscher arbeiten intensiv daran, Gedanken von Maschinen lesbar zu machen. Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Thema. Einerseits, um Menschen mit Behinderungen oder anderen Einschränkungen die Teilhabe am „ganz normalen Leben“ zu ermöglichen – zu dem auch die Benutzung eines Computers und die Eingabe von Texten gehört. Oder weil für Menschen mit dem sogenannten „Locked-In-Syndrom“ ein gedankenlesender Computer die einzige Möglichkeit zur Kommunikation darstellt. Andererseits, weil „Gedankenlesen“ gleich mehrere Menschheitsträume erfüllen würde.


 

Ein Menschheitstraum?

 

Der Traum vom Gedankenlesen ist nicht neu. Und wenn die Bedienung von Maschinen ohne Tasten funktionieren würde, befriedigt das ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Hoffnungen. Das Versenden von Nachrichten an Freunden ist dabei nur „der neuste Trend“ – viel älter ist das Bedürfnis des Menschen, sich verständlich zu machen. Wie oft wünscht man sich, der andere möge nur in den Kopf sehen und das Fehlen von bösen Absichten erkennen können.


„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Getreu dieses Mottos (bzw. des dritten Clarkeschen Gesetz) ist ein nicht unerheblicher Teil menschlicher Erfindungen und Entwicklungen darauf ausgelegt, den Stand der am weitesten fortgeschrittenen Technologie immer noch etwas weiter voran zu treiben. Ein Teil von uns sehnt sich danach den Unterschied zu Magie selbst nicht mehr erkennen zu können. Und wenn wir Maschinen beibringen können, auf die Befehle unserer Gedanken zu hören steht der Weg zu „Magie“ offen: Telepathie und Telekinese sind ein vergleichsweise kleiner nächster Schritt.

 

Facebooks Pläne

 

Facebooks konkrete Pläne sind noch alles andere als konkret. Mit Verweis auf das Beispiel einer gelähmten Frau, die dank einiger Implantate Texte im Computer eingeben kann (mit einer Geschwindigkeit von acht Wörtern pro Minute) setzt sich Facebook das Ziel, auf eine Geschwindigkeit von 100 Wörtern pro Minute zu kommen. Zum Vergleich: Von einer ausgebildeten Sekretärin erwartet man eine Tippgeschwindigkeit von etwa 230 Wörtern pro Minute, der Rahmenlehrplan für Rechtsanwaltsfachangestellte der RAK Kassel sieht ein Ziel von nur 120 Anschlägen (also etwa 20 Wörter) pro Minute vor (wenn Sie es einmal selbst testen wollen: Hier finden Sie einen Tipp-Geschwindigkeits-Test ohne Flashplayer).


Facebooks Bemühungen sind aber nicht allein auf die Integration von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet, sondern natürlich auch auf den normalen Verbraucher: So soll es möglich sein, eine Nachricht an Freunde zu schicken, ohne das Smartphone zu berühren.



Keine einfache Aufgabe

 

Ganz einfach ist das Projekt aber nicht, dem sich jetzt große Technologieunternehmen annehmen. Sowohl technologisch als auch ethisch entstehen Herausforderungen, mit denen sich die Riesen der Branche bisher nur widerwillig befasst haben.


Facebooks Sprecher betonen, dass das Ziel des Programms nicht sei, wahllos „alle“ Gedanken zu lesen. Nur diejenigen, so die verkürzte Formulierung, die im Sprachzentrum fokussiert werden. Und von denen nur diejenigen, die ein Mensch preisgeben möchte. Auch Facebook gesteht also ein, dass es Gedanken gibt, die privat bleiben sollen.


Wie diese Unterscheidung getroffen wird, wird nicht erklärt. Fairerweise muss man sagen, dass das ja auch kaum möglich ist. Denn bis das „Anschalten“ geklärt ist, sind Fragen des „Ausschaltens“ der Gedankenleser wohl noch offen.



Aktuelle Forschung: Vom Lese- bis Schreibzugriff aufs Gehirn


Wie erwähnt beschäftigt sich nicht nur Facebook mit der Suche nach effektiven „Gedankenlesern“. Diverse Forscher beschäftigen sich mit dem Thema. Und das aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.


 

Gedanken erkennen und auslesen


Nah an den Zielen des Facebook-Projekts zum Gedankenlesen und Buchstabieren ist ein japanisches Team, das ein Programm entwickelt hat, das im vergangenen April Zahlen von 0 bis 9 mit 90 % Trefferquote erkennt. Bei einsilbigen Wörtern und einer Wahl aus 18 Möglichkeiten lag die Trefferquote bei 61 %.


Auch wenn das Team enorm schnelle Weiterentwicklung und extreme Ergebnisse für die „nahe Zukunft“ ankündigt, muss man berücksichtigen, dass das Gerät nur erkennt, was die Probanden auch ausgesprochen, d.h. tatsächlich realisiert haben. Wenn Aussprechen eine Voraussetzung ist, liegen Diktierprogramme zurzeit mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig, für die man keine EEG-Kappen tragen muss. Wenn es nicht um Sprache geht, sondern Bilder, ist ein anderes japanisches Team sogar noch weiter: Ein Programm „liest“ nicht nur, was die Versuchsperson sieht, sondern visualisiert es auch gleich. Eine Anwendung ähnlicher Technologien hat Nissan kürzlich auf der CES mit Autos präsentiert, die auf die „Gedanken“ des Fahrers reagieren.


 

Kopierfunktion: Von Gehirn zu Gehirn


2013 hatte ein Projekt zur Gedankenübertragung an der Universität in Washington für Aufsehen gesorgt. Ein Team hatte eine Möglichkeit entwickelt, nicht nur Gedanken (beziehungsweise in diesem Fall: Bewegungsimpulse) zu lesen, sondern auch zu übertragen. Zwei Professoren trugen EEG-Kappen und spielten so „gemeinsam“ ein Computerspiel: Einer der beiden sah die Ziele und übertrug dann den Impuls zu feuern über das EEG an das andere Ende des Campus zu seinem Kollegen, der im richtigen Moment eine Taste drücken musste.


Die Forscher betonen, dass die beiden Testpersonen für das Experiment kooperieren mussten und ein Interesse daran hatten, den Impuls zu übertragen bzw. zu empfangen.


 

Schreibzugriff: Erinnerung, schreiben, ändern und löschen


Andere Forscher gingen noch einen Schritt weiter. Statt „nur“ Gedanken zu lesen oder zu übertragen, machen sie sich an den bereits gespeicherten Erinnerungen zu schaffen. Dabei rangieren die Ziele vom Einpflanzen neuer Erinnerungen bis zum Löschen von Erlebnissen.


Viele Experimente wurden dabei bisher nur an Mäusen durchgeführt, weil gerade dieser Bereich extrem komplexe ethische Fragen aufwirft. Einerseits sollen beispielsweise die traumatisierenden Erinnerungen von Patienten mit PTSD „gelöscht“ werden, bevor sie passieren. Andererseits arbeiten Forscherteams daran, Mäusen das Erlebnis eines Elektroschocks, der eigentlich nie stattgefunden hat, in die Erinnerung zu pflanzen.


 

Eine eigene Schnittstelle zum Gehirn


Eine der aktuellsten Nachrichten stammt von einer Forschergruppe der Universität Linköping in Schweden. Die Forscher haben eine neue Technologie entwickelt, durch die das langfristige Lesen von neuronalen Signalen ermöglicht werden soll. Ein großes Hindernis zwischen Maschinen und menschlichen Gedanken ist das Gehirn. Einerseits ist es nicht auf Zugänglichkeit von außen ausgelegt, andererseits reichen nicht-invasive EEGs oft nicht „tief genug“ – außerdem sind die Kappen kaum alltagstauglich.


Implantate müssen einerseits aus Materialien bestehen, die für die Übertragung geeignet sind, und andererseits das Gewebe nicht zu sehr reizen. Das Team aus Schweden hat ein neues, elastisches Materialgemisch entwickelt, das biokompatibel ist und dennoch auch bei starker Dehnung gute elektrische Leitfähigkeit beweist.


 

Von einer Spielerei im Labor zur Massenware?


Viele der bisherigen Versuche finden in Labors statt – teilweise an Mäusen – und auf den ersten Blick haben sie wenig Bezug zu unserem Alltag und unserer Realität. Das muss aber nicht lange so bleiben. Noch lautet die Frage „Wer würde schon mit einer EEG-Kappe im Alltag herumlaufen, nur um den Lichtschalter nicht antippen zu müssen?“, aber wenn die Schnittstelle der schwedischen Forscher noch weiterentwickelt wird, ist sie bald vielleicht günstig genug für den Massenmarkt.


Dann kann jeder seine eigene Schnittstelle implementieren und muss nur noch einen kleinen Bluetooth-Sender anschließen. Vielleicht handelt es sich dabei um die neuste „Kabel“-Revolution, an der sich Qualitätshersteller zukünftig messen lassen werden. Haben Sie darauf schon Lust?