Eine echt lange Leitung

Das erste transatlantische Kabel - eine echt lange Leitung

Autor: Anna-Lena Nitzsche

 

Wer eine „lange Leitung hat“ ist nicht der schnellste im Denksport. Das ist bekannt - dem einen mehr, dem anderen noch mehr. Und woher kommt's? Diese Redewendung entstand während der äußerst holprigen Anfänge der Telegrafie. Je größer die Entfernung zwischen Sender und Empfänger war, desto länger musste das Kabel sein. Und je länger das Kabel war, desto länger dauerte die Übertragung der Botschaft.

 

Nach dem das Verlegen unterirdischer Kabel langsam zuverlässiger funktionierte, wagten sich Amerikaner und Europäer 1857 an das erste transatlantische Telegrafenkabel. Schneller Empfang von Nachrichten, aus aller Welt, versprachen in erster Linie wirtschaftliche Vorteile im Handel. Doch bekanntlich ist aller Anfang schwer. Für alles was ab 1857 geschah, wäre das allerdings eine maßlose Untertreibung:

 

Ups!

 

Zuerst schien das Vorhaben, eine schnelle und zuverlässige Kommunikationsmöglichkeit zwischen Europa und Amerika zu schaffen, fast unmöglich - etwa so, wie heute zu Silvester jemanden auf dem Handy zu erreichen.
Bevor das erste Kabel überhaupt verlegt werden konnte, sprangen etwa 600 Kilometer Material, auf offenem Meer, von der Winde ins Wasser auf Nimmerwiedersehen – upsi. Auch der nächste Anlauf, ein Jahr später, misslingt. Der zehn Tage anhaltende Sturm beschädigt das Kabel irreparabel, noch bevor es im Atlantik abtauchen kann.

 

Fünf Wochen später dann der dritte Versuch: Zwei Schiffe fahren von England aus auf den Atlantik hinaus. Beide mit 2.000 Kilometern Kabel an Bord. Am 28. Juni 1858 erreichen sie die Mitte des großen Teichs, mit unbeschädigter Kabelfracht. Nach dem Verbinden der Kabelenden fährt die „Niagara“ Richtung Amerika, die „Agamemnon“ macht sich gen europäische Heimat auf. Beide lassen die wertvolle Konstruktion dabei langsam ins Meer gleiten. Das funktionierende Kabel wird in Neufundland und im Südwesten Irlands an Empfänger angeschlossen. Es kann los gehen!

 

The person you've called is temporarely not availabe“

 

Am 10. August ist es so weit. Die erste Nachricht aus Neufundland erreicht Europa. Der erste Satz passt dann auch wie die Faust auf Auge: „Repeat, please“. Ohne Reaktion aus Europa setzt Neufundland die doch sehr einseitige Unterhaltung fort: 

Repeat, please - Die Verlegung des ersten Telegrafenkabels über den Atlantik
Quelle: Christian Holtorf „Repeat, please - Die Verlegung des ersten Telegrafenkabels über den Atlantik“
Nach dem Ingenieure sechs Tage lang an einem besseren Empfang gebastelt hatten, gratuliert Queen Victoria am 16. August 1858 dem US-Präsidenten James Buchanan, in einer 103 Worte langen Nachricht, zum gemeinsamen Erfolg. Die Übertragung dauert 16 Stunden.

 

Lasst doch mal den Experten ran

 

Im September ist es mit dem mäßig regen Austausch auch schon wieder vorbei. Die Kabelisolierung hält dem Wasserdruck im Atlantik nicht stand – der Draht verrostet. Grund: Die Verarbeitung der Isolierung. Guttapercha, eine sehr dichte Gummiart aus Baumharz, wurde um den Draht gewalzt. Die Naht ist dabei die Schwachstelle des Kabels. Sie bricht unter Druck zuerst auf. Im konkreten Fall war dies um so ärgerlicher, weil Werner von Siemens bereits 1847 zusammen mit seinem Partner Halske die Extrusionspresse entwickelt hatte. Diese presst das Gummi aus Baumharz um den Draht – ganz ohne Naht. Hätten die Queen und der Präsident sich gleich an Siemens gewendet, hätten sie nicht nur ein vernünftiges Kabel, sondern auch eine von Siemens entwickelte Messmethode zur Lokalisierung von Kabelfehlern, sowie eine Formel zur Berechnung der Bremskraft, für Kabeltrommeln bei der Kabelwicklung, vom Erfinder bekommen.

 

Was lange währt...

 

Mit Hilfe von Siemens und Halske gelingt es dann aber doch noch – das erste Kabel liegt, funktioniert und denkt nicht daran den Geist aufzugeben. Deutschland folgt dem amerikanischen Beispiel 1900 und verlegt ein transatlantisches Kabel von Ostfriesland nach New York. Bereits 1919 liegen 13 Überseeverbindungen Unterwasser. Ein Grund dafür: Nachrichten, die per Schiff bis zu 2 Wochen verspätet ankamen, können nun innerhalb weniger Sekunden nach Übersee geschickt werden.

Auch heute, in Zeiten des Wireless-LAN, haben die sogenannten „Submarine Cable“ nicht an Bedeutung verloren. Die Grafik zeigt die Lage des ersten transatlantischen Kabels von 1858 und allen bis heute verlegten.

Lage der transatlantischen Kabel
Auf der Seite submarinecablemap.com erfahren Sie's noch genauer. Wir ziehen also für heute den Stecker und wünschen Ihnen ein schönes Wochenende!

 

Quellen:

„Repeat, please“ – Die Verlegung des ersten Telegrafenkabels über den Atlantik von Christian Holtorf auf Telepolis (Stand: 10.5.2016)
Geschichte der Telegraphie - von Holger Weß auf devcon3.de (Stand: 10.5.2016)
Die skandalträchtige Geschichte der Atlantikkabel – von Holger Kreitling auf welt.de (Stand: 10.5.2016)
Mother Earth Mother Board von Neal Stephenson auf http://www.wired.com/1996/12/ffglass (Stand: 10.5.2016)
http://www.submarinecablemap.com/